Die unsichtbare Gefahr im Meeresschaum: Was wirklich an Deutschlands Küsten lauert

Gestern lief ich mal wieder zwischen Wenningstedt und Westerland am Strand entlang… viele Menschen, Kinder und Hunde, die am Strand spielen… und durch Schaumberge springen. Da frage ich mich: Was ist das eigentlich?

Also fragt man das Internet “Schaum an Nordseeküste” und bekommt direkt das Wort Ewigkeitschemikalien gezeigt. “PFAS” war mein Erster Gedanke.

Einer neue Untersuchung von Greenpeace enthüllt eine unsichtbare Gefahr in diesen Schaumbergen: Sie sind Sammelstätten für „Ewigkeitschemikalien“ in Konzentrationen, die Experten alarmieren. Der harmlos aussehende Schaum ist an vielen deutschen Stränden stark mit gesundheitsgefährdenden Chemikalien (PFAS) belastet.

1. Die Konzentration der Chemikalien ist schockierend hoch.

Die Messungen, die Greenpeace an bekannten deutschen Stränden wie Sylt, Norderney und St. Peter-Ording durchführte, liefern Ergebnisse, die ich schon sehr übel finde. Die Kernaussage der Daten ist unmissverständlich: Die gemessenen Werte für per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen (PFAS) im Meeresschaum liegen zwischen dem 290-fachen und 3777-fachen über dem dänischen Grenzwert für Badegewässer (40 Nanogramm pro Liter). In Kühlungsborn an der Ostsee wurde sogar ein Spitzenwert von 160.000 ng/l gemessen.

Um diese Zahlen ein wenig einzuordnen: Der Spitzenwert von 160.000 ng/l in Kühlungsborn überschreitet den ab 2026 geltenden deutschen Trinkwassergrenzwert von 100 ng/l um das 1.600-fache. Es handelt sich hier also nicht um geringfügige Spuren, sondern um eine massive Anreicherung von potenziell schädlichen Stoffen genau dort, wo Menschen Erholung suchen.

2. Das Kuriose: Du kannst im Meer baden, solltest den Schaum aber meiden.

Hier liegt ein scheinbarer Widerspruch: Während der Meeresschaum hochkonzentriert belastet ist, gilt das Baden im Meerwasser selbst weiterhin als unkritisch. Ja aber… Wie kann das sein?

Die Erklärung liegt in den chemischen Eigenschaften der PFAS. Diese Substanzen sind wasserabweisend (oh wunder!) und reichern sich deshalb stark an Oberflächen an – wie eben im Schaum, der durch die Wellenbewegung entsteht. Die Konzentration im Meerwasser selbst ist um ein Vielfaches niedriger.

Die Hauptgefahr geht scheinbar somit nicht vom Schwimmen im Meer aus, sondern von der direkten Aufnahme des Schaums über den Mund. Dies betrifft insbesondere Kinder, die am Strand spielen und den Schaum versehentlich verschlucken könnten. Die Aufnahme über die Haut wird von Experten als geringeres Risiko eingeschätzt.

3. Die unsichtbare Gefahr stammt aus alltäglichen Produkten.

PFAS (per- und polyfluorierte Alkylsubstanzen) sind eine Gruppe von über zehntausend Chemikalien, die aufgrund ihrer wasser-, fett- und schmutzabweisenden Eigenschaften in unzähligen Produkten eingesetzt werden. Man nennt sie „Ewigkeitschemikalien“, weil sie in der Umwelt kaum abgebaut werden. Das wahre Problem: Sie reichern sich im Körper von Menschen und Tieren an, und einige von ihnen sind nachweislich extrem gesundheitsschädlich. Sie gelten als krebserregend, beeinflussen das Hormonsystem und schädigen die Fortpflanzung.

Du findest sie unter anderem in:

  • Sport- und Outdoorbekleidung
  • Lebensmittelverpackungen wie Pizzakartons und Backpapier
  • Teppichböden
  • Beschichtungen für Kochgeschirr

Über Industrieabwässer und die Entsorgung dieser Produkte gelangen die Chemikalien in die Flüsse und von dort schließlich ins Meer. Dort konzentrieren sie sich im Schaum. Doch die Gefahr endet nicht am Ufersaum: Die Partikel können auch über die Gischt in der Luft verteilt werden und Böden sowie das Grundwasser kontaminieren. Julios Kontchou, Ökotoxikologe bei Greenpeace, bringt die Forderung auf den Punkt:

Wir fordern die Bundesregierung auf, Menschen und Umwelt vor ungerechtfertigte Interessen der Chemiebranche zu stellen. Der Einsatz von PFAS in Gebrauchsgegenständen ist ohne Wenn und Aber zu verbieten.

4. Während andere Länder warnen, fehlt in Deutschland eine klare Linie.

Der Umgang mit der neuen Erkenntnis unterscheidet sich in Europa erheblich. Behörden in Dänemark und den Niederlanden warnen ihre Bevölkerung bereits offiziell vor dem Kontakt mit Meeresschaum. Sie geben sogar Empfehlungen heraus, wie man die Haut nach einem möglichen Kontakt mit klarem Wasser abwaschen sollte.

In Deutschland ist die Situation eine andere. Hiesige Behörden führen bisher weder offizielle Tests durch, noch gibt es Grenzwerte für PFAS in Badegewässern. Entsprechend werden auch keine offiziellen Warnungen ausgesprochen. Diese Untätigkeit hat bereits zu einem internationalen Konflikt geführt: Der niederländische Wasserverband RIWA wirft Deutschland in einem offiziellen Schreiben vor, das Rhein-Abkommen zu verletzen. Durch lasche Grenzwerte für deutsche Chemieanlagen werde das Trinkwasser für fünf Millionen Menschen in den Niederlanden gefährdet. Laut Greenpeace wehrt sich die Chemieindustrie gegen eine stärkere Regulierung, obwohl für fast alle Anwendungen längst PFAS-freie Alternativen zur Verfügung stehen.

Für deinen nächsten Strandbesuch lautet die konkrete Handlungsempfehlung (den Quellen nach) daher: Meide den direkten Kontakt mit Meeresschaum. Achte besonders darauf, dass Kinder nicht darin spielen oder ihn verschlucken. Falls du oder deine Familie doch mit dem Schaum in Berührung kommen, wasche die betroffenen Hautstellen vorsorglich mit klarem Wasser ab.

Ein Spaziergang am Strand, bei dem man an Schaum vorbeigeht, gilt nach aktuellen Einschätzungen nicht als gefährlich; problematisch wäre eher intensiver, wiederholter Kontakt oder Verschlucken größerer Mengen. Und ehrlich: Niemand hat vor so einen Schaumberg zu vernaschen, oder?

Quellen: